Auf die Pauke

Viele haben sich an der Interpretation der Kriegstrommel von Malinalco versucht. Anfang des 20. Jahrhunderts stellten auch die beiden deutschen Mexikoforscher Eduard Seler und Konrad Theodor Preuß ihre Theorien auf und nutzten das Instrument für ihren akademischen Kleinkrieg.

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Seler

Eduard Seler war ein akademischer Quereinsteiger. Begonnen hatte er seine Laufbahn als Gymnasiallehrer, doch er war damit nicht glücklich geworden. Also hatte er seine Stelle an den Nagel gehängt, und nach seiner Heirat mit der vermögenden Caecilie Sachs konnte er sich ganz seiner Leidenschaft widmen: den altmexikanischen Kulturen. Nachdem er sich mit einer Arbeit über die Mayasprachen habilitiert hatte, bekam er eine Anstellung im Museum für Völkerkunde in Berlin und unternahm seine erste von insgesamt sechs Reisen nach Mexiko.

Auf seiner zweiten Reise nach Mexiko im Jahr 1904 kam er nach Toluca und sah im Stadtmuseum die Trommel aus Malinalco. Er war so fasziniert, dass er ihr bei seiner Rückkehr nach Deutschland einen ganzen Aufsatz widmete. Aus seiner Interpretation der Symbole kam er unter anderem zu dem Schluss, dass sie beim Kriegstanz geschlagen worden sein musste.

Trommel2

Für Eduard Seler war die Pauke von Malinalco allerdings nicht nur ein Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung. Auch für ihn war sie eine Kriegstrommel, mit der er gegen einen unliebsamen Kritiker und Konkurrenten antrommelte. Und von denen hatte er einige. Nach seiner Rückkehr von jener Mexikoreise war er zum Direktor der Amerikaabteilung am Museum für Völkerkunde befördert worden. Doch der Privatgelehrte war keineswegs unumstritten und galt als Starrkopf, der keine anderen Meinungen neben sich duldete. Das warf ihm zumindest sein Assistent Konrad Theodor Preuß vor, der selbst gern Direktor geworden wäre und die Arbeiten seines ungeliebten Vorgesetzten in anonymen Rezensionen kritisierte.

Der Chef konnte sich natürlich denken, woher die Kritik kam — es gab ja nicht allzu viele Altmexikanisten im wilhelminischen Deutschland —, und wartete nur auf eine Gelegenheit, um es seinem Widersacher heimzuzahlen. Die Trommel war ein willkommener Aufhänger, denn die hatte auch Preuß in einem Aufsatz über die mexikanische Götterwelt beschrieben.

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Preuss

In diesem Artikel hatte sich der ehrgeizige Preuß weit vorgewagt: Er hatte versucht, die Religion der Mexica umfassend zu erklären. Für Seler an sich schon ein Affront, denn er selbst war an einer solchen übergreifenden Darstellung gescheitert. Also erklärte er kurzerhand, eine solche umfassende Erklärung könne es gar nicht geben.

In seinem Artikel über die Trommel von Malinalco holte Seler nun zum großen Paukenschlag gegen den Widersacher aus. Zunächst warf er Preuß vor, er habe in seiner Interpretation der Trommel das Ollin falsch gedeutet, weil er die vier Kringel unter dem Symbol übersehen habe. Natürlich hatte Preuß die Trommel nicht im Original gesehen, denn er hatte nicht das Geld für private Forschungsreisen und war deshalb noch nie in Mexiko gewesen. Das rieb ihm Seler erbarmungslos unter die Nase: Natürlich sei die Zeichnung, mit der Preuß gearbeitet hatte, stümperhaft angefertigt. Trotzdem hätten ihm die Kringel nicht entgehen dürfen. Dann rechnete Seler Symbol für Symbol mit Preuß ab, um ihn am Ende in Grund und Boden zu trommeln: Seine Theorie sei »eine Konstruktion, die der Wirklichkeit nicht entspricht« und »Preuß hätte besser getan, damit nicht vor die Öffentlichkeit zu treten«. In der verklemmten Welt der Wissenschaft eine offene Kriegserklärung.

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Das Nahui Ollin auf der Trommel von Malinalco

Nun entspann sich zwischen den beiden eine »tödliche Feindschaft«, wie ein Kollege später schrieb. Der Assistent warf dem Vorgesetzten Übersetzungsfehler vor — ein Affront! — und der Chef paukte in neuen Artikeln zurück. Dabei war die Wissenschaft wie so oft nur der Vorwand, die eigentlichen Motive waren vor allem Neid und Arroganz, Missgunst und Rechthaberei.

Seler schaffte es immerhin, dass sich niemand mehr für die Theorien von Preuß interessierte. Doch wenig später musste er seinen Konkurrenten auf eine Expedition an die mexikanische Pazifikküste ziehen lassen, von der Preuß mit zahlreichen neuen Erkenntnissen über die Cora und Huicholes zurückkam. Doch nun änderte Seler seine Strategie und schwieg den Widersacher einfach tot. Noch hässlicher wurde es, als Selers Ruhestand näher rückte und er einen jüngeren Assistenten als Nachfolger heranpäppelte, den Preuß prompt der Inkompetenz bezichtigte. Man kann sich vorstellen, wie dick die Luft in den Fluren des Instituts gewesen sein muss.

Am Ende löste sich der Streit in Luft auf. Als Seler schließlich in Ruhestand ging, wurde seine Stelle nicht neu besetzt, weil nach dem Ersten Weltkrieg kein Geld mehr für die Altmexikanistik da war. Und die Theorien beider dürfen heute getrost als überholt gelten. Die Pauke von Malinalco gibt ihr Geheimnis nicht so einfach preis.
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Literatur

Konrad Theodor Preuß, „Die Feuergötter als Ausgangspunkt zum Verständnis der mexikanischen Religion“. In: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, 33/3. S. 129-233.

Eduard Seler, „Die holzgeschnitzte Pauke von Malinalco und das Zeichen atl-tlachinolli.“ In: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, 34/3, S. 222-274.

Norbert Díaz de Arce, Plagiatsvorwurf und Denunziation. Untersuchungen zur Geschichte der Altamerikanistik in Berlin (1900-1945). Dissertation: Berlin, 2005. http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000001759

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