Um Gottes Willen

Wie alle Kapellen ist sie nach Jerusalem ausgerichtet, aber weil sie auf der anderen Seite der Hauptstraße steht, sieht es so aus, als würde sie dem Dorf den Rücken zukehren. Sie scheint schon lange nicht mehr gestrichen worden zu sein, die Sonne hat die letzten Pigmente aus dem Putz gebleicht und der Regen hat schwarze Streifen auf die Fassade gemalt. Auf dem trostlosen Hof wächst kaum ein Hälmchen Gras, und aus dem Schatten der Kirchmauer starren uns einige mürrische alte Männer an. Misstrauisch mustern sie uns unter ihren Hutkrempen hervor, und einer steht auf, um uns zu folgen. Mit dem Alten im Rücken getrauen wir uns kaum, das Kirchlein zu betreten. Deshalb bleiben wir auf der Schwelle stehen und werfen von da aus einen Blick in den Innenraum. Der ganze Altarraum steht voller weißer Lilien, deren schwerer Duft sich mit dem Muff des Gemäuers zu einem erstickenden Modergeruch vermischt. Man könnte meinen, dass die Kapelle für eine Hochzeit geschmückt ist, aber unter der Woche heiratet sicher niemand. Nachdem sich meine Augen an das Dunkel gewöhnt haben, sehe ich über dem Altar ein Glaskästchen, aus dem mich ein rabenschwarz glänzender Kopf mit leeren Augen anstarrt. Er scheint verkohlt zu sein, doch ehe ich ihn mir genauer ansehen kann, zieht mich Lulú nach draußen.

Aus: In Mexiko

 

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