El tigre

Ein Buch mit dem Untertitel „Reise in ein magisches Land“ verdient auch ein magisches Cover. Und das hat es mit dem Titelbild auf sich.

Die hölzerne Maske des tigre (der natürlich ein Jaguar ist) mit ihren Wildschweinzähnen und -borsten stammt aus Ometepec in Guerrero, wo jedes Jahr im Oktober die danza del tigre gefeiert wird. Ich schreibe bewusst nicht »aufgeführt«, denn es handelt sich nicht um eine Darbietung vor einem Publikum, sondern um ein kollektives Ritual, an dem Hunderte Dorfbewohner teilnehmen.

Ähnliche Tänze finden in vielen Gegenden Mexikos statt, in Oaxaca beispielsweise, oder in Puebla. Aber besonders bekannt sind die Tänze aus der Sierra von Guerrero. Hier hat jeder Ort hat seine eigenen Rituale. In Zitlala finden die Tänze zum Beispiel im Mai statt: Um den Regen zu beschwören, schlagen die »Tiger« bei ritualisierten Kämpfen mit Lederriemen aufeinander ein, bis das Blut die Erde befeuchtet. In Xochistlahuaca wird der Tiger gejagt und am Ende geopfert, in der porrazo de tigres von Chilpancingo ringen die Tiger miteinander, in der tigrada von Chilapa ziehen Hunderte Jaguare durch die Straßen, und in Ometepec ist es ein Ernteritual, das im Oktober gefeiert wird. Auch die Masken sind ganz unterschiedlich — wo die Tänzer aufeinander einschlagen, sind sie aus Leder und eher so etwas wie Schutzhelme, andernorts sind sie aus Holz.

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Der Tiger von Zitlala

Der Jaguarkult reicht weit ins Dunkel der Vergangenheit zurück. Zum ersten Mal begegnet er uns vor über zweieinhalb Jahrtausenden bei den Olmeken der Golfküste, der Mutterkultur Mittelamerikas. Sie verehrten den Jaguar als Verkörperung von Erde, Nacht, Lebens und Tod und verbreiteten den Kult über ganz Mittelamerika. Überall, wo später Kulturen mit dem Jaguar in Berührung kamen, fürchteten und verehrten sie ihn, die Mayas des Tieflands von Guatemala und des Hochlands von Chiapas genauso wie die Mixteken und Zapoteken von Oaxaca und die Teotihuacanos und Tolteken. Früheste Figuren der Olmeken zeigen Werjaguare — Schamane, die sich in Jaguare verwandeln oder halb Jaguar, halb Mensch sind.

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Auch die Azteken verehrten den Jaguar. Ihre Jaguarkrieger, die ocelopilli, waren ein gefürchteter Kriegerorden, weshalb für die Spanier der Jaguar zum Symbol für die Stärke der indigenen Völker wurde. Auch in Malinalco hinterließen die Azteken einen berühmten Jaguar, eine Steinskulptur im Haus der Adler.

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Warum hier bei den drei Adlern — dem Symbol für die Morgen-, Mittag- und Abendsonne — ein Jaguar, dieses Symbol der Erde und der Nacht? Weil der Jaguar, der nicht zufällig im Norden des Tempels liegt, die »Nachtsonne« verkörpert, die in der Erde verschwunden ist.

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Das alles macht die Maske des Jaguars zum perfekten Symbol für die Magie Mexikos, die prähispanische Vergangenheit und ihr Fortleben in der Gegenwart — und zu einem passenden Covermotiv.

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